Seitensprung-Guide

Warum Frauen fremdgehen und wie sie es anstellen

Fremdzugehen ist verwerflich, so sagt es die Gesellschaft – das gilt besonders für Frauen. Journalistin Michèle Binswanger will in ihrem Buch herausfinden, warum wir es trotzdem tun.

Lange, sehr lange Zeit wurde Frauen beigebracht, ihre sexuellen Wünsche nicht zu artikulieren, nicht offen über Sex zu sprechen. Stattdessen sollten sie loyale Partner für ihre Männer sein. Ein Bild, dem Frauen heute freilich nicht mehr entsprechen müssen und wollen – eine von ihnen ist Michèle Binswanger (45). Die Schweizer Journalistin sprach für ihr Buch „Fremdgehen – Ein Handbuch für Frauen“ mit Frauen, die ihre Partner betrogen haben. Sie erzählt Geschichten, die wir im richtigen Leben nicht oft zu hören bekommen, sprechen Frauen – ob des gesellschaftlichen Drucks – doch auch heute noch nur sehr selten über außereheliche Abenteuer. Anders, als der Titel des Buches erahnen lässt, geht Binswanger – anstatt tatsächliche Tipps für Seitensprünge zu geben – der Fragen nach, warum Frauen fremdgehen und was sie dabei von Männern unterscheidet.

Kein Urban Myth. Studien zufolge betrügen Männer tatsächlich öfter als Frauen: Demnach gehen 70 bis 80 Prozent der  Herren der Schöpfung mindestens einmal im Leben fremd. Im Gegensatz dazu wagen nur etwa 30 bis 40 Prozent der weiblichen Bevölkerung einen Seitensprung. Gehen Frauen also weniger oft fremd, weil es nicht in ihrer Natur liegt? Oder ist es vielmehr der gesellschaftliche Druck, der Frauen treu sein lässt? Zweiteres ist der Fall, behauptet Binswanger: Frauen wären anfälliger gegenüber gesellschaftlichem Druck und sozialen Zwängen, als es Männer sind, glaubt die Schweizerin. Auf dem weiblichen Geschlecht habe stets mehr Druck gelastet,  „anständig“ zu sein. In früheren Zeiten hätten Frauen auch schlicht die Möglichkeiten gefehlt, da sie viel eher Zuhause waren und sich um Kinder und Haushalt gekümmert haben, während ihre männlichen Pendants viel mehr herumkamen. Klar,  wer nicht rauskommt und potenzielle Partner für eine wilde Liebesaffäre trifft, hat verschwindend geringe Chancen, auch eine zu beginnen.


Neue Möglichkeiten. Dass sich diese Umstände in den letzten Jahrzehnten geändert haben, ist bekannt – und mit ihnen auch die weibliche Einstellung zu Sexualität. Frauen haben heute wesentlich höhere Erwartungen an ihr Sexleben als noch vor 40 Jahren: Sie sind viel eher bereit, zu experimentieren und wollen unabhängiger sein. Dazu kommt eines: Die modernen Kommunikationskanäle haben sowohl Männern als auch Frauen ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Mit Tinder, Happn, Once & Co. ist die ganz große Liebe – oder eben auch nur das schnelle Abenteuer – bloß einen Mausklick, Pardon, Fingerwisch entfernt.

Grauzone. Gut, unsere Smartphones haben den Pool an potenziellen Liebhabern vergrößert und das Kennenlernen erleichtert, doch diese neue Dating-Realität bringt auch einen Rattenschwanz neuer Probleme mit sich. Und zwar in Form von Untreue-Grauzonen: Ist ein privater Chat auf Twitter mit einer Abfolge flirtiver Nachrichten bereits als Fremdgehen zu werten? Ist ein Emoji mit Herzen in den Augen unter einem Instagram-Posting erlaubt? Und wie sieht das bei einem Oben-ohne-Snap aus? Psychologen beantworten diese Frage folgendermaßen: Frauen wären von emotionalen Affären – wie etwa einem andauernden Chatverlauf mit akutem Flirtfaktor – viel eher beunruhigt, während sich Männer generell eher um physischen Betrug sorgen würden.

Das erkläre auch, konkludiert Binswanger in ihrem Buch, die unterschiedlichen Gründe, warum Männer und Frauen fremdgehen. Demnach sei es für Männer oft eine Frage der Möglichkeit – frei nach dem Motto: Gelegenheit macht Diebe. „Wenn sich ihnen die perfekte Gelegenheit bietet und das Risiko, erwischt zu werden, sehr klein ist, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie fremdgehen. Frauen haben üblicherweise mehr Gelegenheiten, aber eben andere Motivationen“, so Binswanger.

Frustration. Demnach hätte sich die Mehrheit der Frauen, die ihrem Partner fremdgingen und mit denen Binswanger für ihr Buch sprach, frustriert gefühlt – manchmal wegen ihrer Beziehung, manchmal aber auch wegen ihrer Lebensumstände generell. Diese Frauen fühlten sich nicht begehrt, nicht gehört oder schlichtweg nicht glücklich. Also haben sie sich auf die Suche nach etwas mehr Aufregung in ihrem Leben gemacht, nach einem Abenteuer. Laut Binswanger passiere das in vielen Fällen unterbewusst und die Frau realisiere erst, weshalb sie untreu geworden ist, nachdem sie erwischt wurde.   

Doch Binswanger hat noch eine andere Theorie parat, warum wir fremdgehen, obwohl wir genau wissen, dass wir damit jemanden verletzen: „Weil wir Moral nicht universell verstehen, sondern kontextabhängig und situationsbezogen. Weil die Lust uns dazu treibt, weil sie uns in dem Moment wichtiger erscheint als das Ideal einer monogamen Beziehung.“ Demnach, so die Autorin, würden wir den „potenziellen Gewinn einer langfristigen Sicherheit“  abwägen gegen die Sensation des Neuen – „den Rausch einer sexuellen Begegnung, die Risiken, die wir dabei eingehen“.
Deswegen gebe es, glaubt Binswanger, auch so viele Fremdgeher, aber so wenige Polyamoristen: „Sich bewusst für ein anderes Konzept von Liebe und Beziehung zu entscheiden und das auch vor anderen zu vertreten, braucht Mut, Selbstvertrauen, kraft, Geduld und Reife.“ Der moralische Druck, sich gesellschaftskonform zu verhalten, oder zumindest alles dafür zu tun, dass es so erscheint, sei – besonders durch die sozialen Medien – „markant größer geworden“.

Fremdgehen als letzter Ausweg. Doch Binswanger glaubt, dass ein Seitensprung nicht immer unbedingt etwas Schlechtes sein muss: Manchen Frauen, mit denen sie gesprochen habe, hätte diese Erfahrung geholfen, ihre Sexualität zu entdecken – ihre Begierden, ihre eigenen Bedürfnisse und ihre tiefsten Wünsche. Einige, so schreibt die Autorin, hätten ihr berichtet, dass ihre Partner ihnen niemals zugehört haben, wenn sie darüber sprechen wollten, und sich jahrelang nichts geändert habe – bis sie fremdgingen.

Denn als der Partner erkannte, dass er seine Frau beinahe verloren hätte, so berichten die Frauen, habe sich plötzlich alles verändert. „Wenn die Beziehung den Seitensprung überlebt und beide Partner einen Weg finden, mit dieser Erfahrung umzugehen, dann kann ein Seitensprung – wie jede überstandene Krise – ein Paar auch wieder näher zusammenbringen“, so Binswanger. Soll heißen: Es besteht die Chance, dass eine Affäre genau der Tritt in den Hintern ist, den der Partner braucht, um einem wieder mehr Wertschätzung entgegenzubringen. Das ist ein Zugang, wenn auch ein riskanter.

Beziehungsretter? Binswanger ist jedenfalls überzeugt, dass es in der heutigen Zeit generell einen entspannteren Zugang zu Beziehungen und Monogamie im Allgemeinen braucht – besonders bei Frauen: In der Geschichte sei Frauen immer wieder vorgeschrieben worden, wie sie ihre Sexualität zu leben haben und sie wären diesbezüglich ständig diszipliniert worden – ihnen wurde die Freude daran praktisch untersagt. In einem Interview zog Binswanger kürzlich Fazit: „Natürlich, manchmal ist es hart, gegen die Eifersucht anzukämpfen, doch Sex ist eine großartige Sache. Warum sollte man also jemandem, den man liebt und dem man vertraut, nicht erlauben, Sex mit anderen Leuten zu haben?“

Das neue Aufreger-Buch. Frauen gehen anders fremd als Männer: manchmal, um aus der Beziehung auszubrechen. Manchmal, um drinzubleiben. Aus Lust und Leichtsinn. Und manchmal einfach nur, um zu sehen, ob sie überhaupt noch leben. Die Journalistin Michèle Binswanger hat mit zahlreichen Frauen übers Fremdgehen und ihre intimen Erfahrungen gesprochen — und über ihre Motive, Strategien und Gefühle. Paartherapeuten und Psychologen erklären aus wissenschaftlicher Sicht das Wesen der Liebe und Sexualität, woraus die Autorin ein wichtiges Fazit zieht: Nicht Untreue zerstört unser Beziehungsleben, sondern falsch verstandene Treue („Fremdgehen – Ein Handbuch für Frauen“, Verlag Ullstein extra, um 15,50 Euro).

Posten Sie Ihre Meinung