Wahlkampf

Irmgard Griss im MADONNA-Talk

Sie ist wieder zurück! Nach ihrem Achtungserfolg bei der Hofburg-Wahl rittert Irmgard Griss jetzt – ­gemeinsam mit den Neos – um einen Sitz im Parlament. Das Interview.

Einmal will sie es noch wissen. Lange ließ sich Irmgard Griss in den letzten Monaten bitten, jetzt hat sie sich entschieden: Die ehemalige Höchstrichterin – die vergangenes Jahr mit 18,9 Prozent schon einen beeindruckenden Achtungserfolg bei der Präsidentschaftswahl einfuhr – kämpft an der Seite der Neos bei der anstehenden Nationalratswahl am 15. Oktober. Sebastian Kurz – auch er umgarnte Griss lange Zeit – bekam von ihr einen Korb. Mit seinem Populismus könne die Juristin nichts anfangen, ließ sie wissen.
Wahlkampf statt Tauben. Im MADONNA-Interview zeigt sich die 70-Jährige jedenfalls kampfeslustig: „Ich bin noch geistig und körperlich beweglich, da liegt es ja ­nahe, dass man sagt: Ich möchte noch ­etwas tun.“ Sie sei eben nicht der Typ, der im Park sitzt und „Tauben füttert“, lacht die politische Quereinsteigerin. Der Talk.

Man wirft Ihnen Zögern vor. Warum haben Sie sich denn so lange Zeit gelassen mit der Entscheidung, zu den Neos zu gehen?
Irmgard Griss:
Ich habe mir sorgfältig überlegt, ob ich bei der Nationalratswahl antreten soll. Die Entscheidung, anzutreten, habe ich schon vor längerer Zeit getroffen. Ich habe aber überhaupt keinen Grund gesehen, das schon früher öffentlich bekannt zu machen. Schließlich steht erst seit ein paar Wochen fest, dass es im Herbst Neuwahlen gibt. Ich stelle mich doch nicht im Frühjahr hin und sage: „Ich kandidiere bei den nächsten Nationalratswahlen, wann auch immer die sind.“


Wann stand fest, dass Sie zu den Neos gehen?
Griss:
Es hat sich schon zu Beginn des Jahres abgezeichnet, dass ich etwas mit den Neos gemeinsam machen werde. Es gab dann noch ein paar andere Gespräche, aber ich habe damals schon gesehen, dass es mit den Neos die meiste Übereinstimmung gibt.


Damit meinen Sie wohl die Gespräche mit Sebastian Kurz. Warum hat es mit ihm und der ÖVP letztendlich nicht geklappt?
Griss:
Das war keine Entscheidung gegen Sebastian Kurz, sondern für ein gemeinsames Antreten mit den Neos. Ich muss aber dazu sagen, dass Sebastian Kurz mir nie abgesagt hat. Ich war erstaunt, als ich das in den Medien gelesen habe.


Mit inhaltlichen Differenzen, etwa bei der Homo-Ehe, hatte das nichts zu tun?
Griss:
Nein. Ich war schon immer dafür, dass gleichgeschlechtliche Paare ihre Verbindung auch Ehe nennen dürfen. Die rechtlichen Unterschiede sind ja marginal, und es ist eine unnötige Kränkung, wenn diese Menschen nicht heiraten dürfen. In der Integrations- und Asylpolitik ist mir – ich war ja viele Jahre Richterin – wichtig, dass Österreich seine internationalen und europarechtlichen Verpflichtungen einhält – solange diese Regelungen unverändert aufrecht sind. Aber natürlich – und das ist bisher verabsäumt worden – muss rasch geklärt werden, ob jemand verfolgt ist oder zurückmuss, weil er weder ein Anrecht auf Asyl noch auf subsidiären Schutz hat. Bei uns dauert es oft Jahre, bis ein Asylverfahren abgeschlossen ist. Ich habe mit Asylwerbern gesprochen, die seit 2015 in Österreich sind und bis heute kein Erstinterview hatten. Das sind Jugendliche, die den ganzen Tag nichts zu tun haben und nicht wissen, ob sie hier bleiben dürfen. Das sind ja prägende Jahre. Man muss sich einmal ­vorstellen, was die Unsicherheit und das Nichtstun für junge Menschen bedeuten.


AMS-Chef Johannes Kopf hat ja vorgeschlagen, Lehrstellen für Asylwerber zugänglich zu machen. Eine gute Idee?
Griss:
Absolut, ich halte das für eine ganz hervorragende Idee. Ein junger Mann, mit dem ich gesprochen habe und der seit 2015 in Österreich ist, möchte gerne Koch werden – hat aber als Asylwerber keine Möglichkeit, eine Lehre zu machen. Wenn er nach Afghanistan zurückmuss, hätte er zumindest eine Ausbildung und könnte in seiner Heimat etwas aufbauen. Das ist doch viel wert. Denn man hört immer wieder, dass sich Rückkehrer den Taliban anschließen, weil sie keine andere Möglichkeit sehen, zu überleben.


Sie sind mit 70 Jahren die älteste Kandidatin im Rennen. Andere genießen den Ruhestand, Sie starten politisch jetzt erst richtig durch. Was treibt Sie an?
Griss:
Ich hoffe, dass ich noch einen Beitrag leisten kann. Außerdem hatte ich viel Glück im Leben: Ich hatte einen wirklich interessanten Beruf, eine Familie, meinen Kindern und Enkeln geht es gut – und ich kann noch etwas tun. Da liegt es doch nahe, zu versuchen, der Gesellschaft auch etwas zurückzugeben. Wenn sich junge Menschen – wie bei den Neos – und ältere Menschen, so wie ich, zusammentun,  kann etwas Gutes dabei herauskommen. Jeder bringt seine Erfahrungen ein, das ist sicher gut für das Land.  Es gibt viele Menschen wie mich, die noch leistungsfähig sind. Sollen wir denn alle im Park sitzen und Tauben füttern? (lacht)


Ihr Mann würde nicht lieber in Ruhe die Pension genießen und im Park Tauben füttern?
Griss:
Mein Mann sagt, wenn mir das etwas gibt, soll ich es machen. Und ich glaube nicht, dass ich etwas anderes mehr genießen könnte als diese wirklich spannende Herausforderung.  


Bei der Hofburgwahl haben Sie also Blut geleckt und dachten: „Einmal geht noch“?
Griss:
Ich habe das gerne gemacht. Es war für mich auch deshalb  eine Bereicherung, weil ich vielen Menschen begegnet bin, die sich sehr einsetzen. Lehrern und Lehrerinnen, Menschen, die Flüchtlinge betreuen, oder etwa Bauern, die um ihr wirtschaftliches Überleben kämpfen. Im Mölltal in Kärnten etwa haben mir Menschen gesagt, dass sie gerne dort bleiben würden und nicht in die Stadt abwandern wollen. Ich finde es spannend, gemeinsam zu überlegen: Was muss es für Ausbildungen und Arbeitsmöglichkeiten geben, damit das weiterhin möglich ist? Es kann ja nicht sein, dass alle in die Stadt gehen müssen und das Land verödet. Auf diese Treffen mit den Menschen, aus denen ich so viel gelernt habe, freue ich mich.

Was haben Sie aus Ihrem letzten Wahlkampf gelernt? Welche Fehler würden Sie diesmal nicht wiederholen?
Griss:
Ich habe gelernt, dass es ganz großen Einsatz braucht und dass das Ganze natürlich auch körperlich eine Herausforderung ist. Und Fehler, ja, mein Gott! Ich weiß jetzt, dass man bei jeder Äußerung genau überlegen muss, ob das nicht gegen einen verwendet werden kann und man mögliche Umdeutungen mit einkalkulieren muss. Also da vorsichtiger zu sein, habe ich mir schon vorgenommen. Ob es mir gelingt, werden wir sehen. (lacht)

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