Kandidatinnen der „Liste Pilz“

Stephanie Cox und Maria Stern im Talk

Die Hälfte der gesamten Liste sollen Frauen sein. Die bereits fixen Kandidatinnen der „Liste Peter Pilz“, Stephanie Cox (28) und Maria Stern (44), wollen vor allem eines: Vollgas geben, ganz in Transparent.

Er war Gründungsmitglied der Grünen Partei und hat jahrelang politisch (fast) nur Grün getragen: Jetzt tritt Peter Pilz (63) bei der Nationalratswahl am 15. Oktober mit der „Liste Peter Pilz“ an. Mit ihm sollen 50 Prozent Frauen auf der Liste vertreten sein. Die ersten weiblichen Kandidaten sind Stephanie Cox (28) und Maria Stern (44). Cox ist als gebürtige Australierin im Alter von drei Jahren nach Österreich gekommen und gilt mit nur 28 Jahren bereits als Urgestein der Start-up-Szene. Was sie immer wollte? „Mitgestalten!“ Das tat sie schon mit 16 in der Schülervertretung auf Landesebene, gründete dann TEDxDonauinsel, baute mit 21 die Start-up-Szene in Österreich  auf und rief 2016 die Messe „Chancen:reich“ - Österreichs erste Messe für geflüchtete Menschen“ mit ins Leben.


Starke Charaktere. Stern ist bekennende Frauenrechtlerin und war zuletzt als Sprecherin des Frauenvolksbegehrens sehr präsent. Als Mutter von drei Kindern setzt sie sich seit Jahren für die Rechte von Alleinerzieherinnen, gesetzliche Unterhaltsregelungen und die Gleichstellung der Frauen ein. Auch wenn die beiden dem Anschein nach unterschiedlicher nicht sein könnten, erklären sie im MADONNA-Talk, warum die Kombination zu 100 Prozent Sinn ergibt und warum sie den Schritt in die Politik gewagt haben. In der bisher nie da gewesenen Farbe der „Liste Peter Pilz“: Transparent.


Sie waren beide mit dem, was sie gemacht haben sehr erfolgreich. Warum haben Sie jetzt den Schritt in die Politik gewagt?
Stephanie Cox:
Weil sie vernachlässigt wird. Beispielsweise bin ich anhand der Bildungs-Initiative durch Österreich getourt und in Vorarlberg haben mir die Leute gesagt: „Ich kann eh nix machen, die in Wien entscheiden das ja.“ Das war für mich der Punkt, an dem ich gesagt habe, wenn ich wirklich etwas verändern will, muss ich in die Politik gehen. Auch gerade das Thema „Gründen“ ist eines, das sehr in eine Schublade gesteckt wurde. Start-ups gehen mit der Digitalisierung einher, wie diese die Meinungen der Menschen beeinflusst. Das ist eine Szene, die sehr viel tut und umsetzt. Ich bin eine absolute Macherin, aber es reicht nicht, wenn die Leute etwas tun, ohne die Politik als Back-up. Politik ist noch immer der Ort, der uns Bürger vertritt und wo die Rahmenbedingungen gesetzt werden.
Maria Stern: Ich hatte immer das Gefühl, wenn ich überparteilich arbeite – ich hatte ja in den letzten Jahren zu fast allen Parteien Kontakt, genauso zu NGOs und Betroffenen –, dass ich in meiner Position eigentlich schon sehr viel bewirken kann. Dann habe ich das Interview mit Peter Pilz und Corinna Milborn gesehen und er meinte: „Es steht so viel in Parteiprogrammen, das nicht umgesetzt wird.“ Da dachte ich mir: „Ja“ und „Okay, jetzt bin ich bereit“. Weil: Die Reform des Unterhaltsgesetzes ist seit 2008 im Regierungsprogramm. Es hat sich nichts getan. Der Zeitpunkt ist gekommen, nicht nur außerhalb des Nationalrates oder mit Menschen aus dem Nationalrat Bündnisse einzugehen. Nein, jetzt möchte ich mich in den Nationalrat stellen und das Thema zum Thema machen. Denn gerade die soziale Frage und die Frauenfrage sind ganz besonders eklatante.


Wie war es für Sie, an diesem Punkt Ihrer Arbeit – sprich Frauenvolksbegehren – zu gehen? Wie viel Wehmut spielte hier mit?
Stern:
Es ist insofern schmerzlich, als dass alle politischen Netzwerke, die ich mir bis dahin aufgebaut hatte, mich bis auf wenige Ausnahmen fallen gelassen haben, mich auch sehr angegriffen haben. Das Netzwerk, auf das ich jetzt zurückfalle, sind mehr oder weniger die Alleinerzieherinnen selbst. Mit ihnen baue ich jetzt gerade eine neue Struktur auf. Ich bin jetzt wieder Bürgerbewegung (schmunzelt).


Warum „Liste Peter Pilz“ und nicht eine andere Partei?
Stern:
Ich hätte weder Zeit noch Kraft, mich in eine Parteistruktur einzubinden. Zum Zweiten: Peter Pilz schätze ich seit Jahrzehnten, er ist ein Politiker mit einer absolut sauberen Politik, der auch die Inhalte so bringt, dass einem nicht die Füße einschlafen. Dass er mich mit meiner Kompetenz so nimmt, ist die Garantie dafür, dass ich mich nicht verbiegen muss und genau das, was ich bis jetzt auch gemacht habe, weitermachen kann, nur auf einem anderen Level.
Cox: Für mich war es genau das Wort: „Machen.“ Etwas zu machen mit einer Person, die sehr erfahren ist, die die Strukturen kennt und an einem Punkt sagte: „Okay, wir müssen hier jetzt aufmischen.“ Aber nicht mit einer klassischen Parteistruktur, mit Klubzwang, dem gleichen Wording. Im Parlament kann jeder mit seinen eigenen Stärken auch Allianzen mit anderen eingehen. Dieser Partizipationsansatz steht für mich sehr im Vordergrund.


Sie wurden an einem Punkt gefragt, an dem es keine Mitglieder, keine Struktur, nichts gab. Welche Zweifel gab es bei diesem Sprung ins kalte Wasser?
Stern:
Keine (lacht)! Natürlich habe ich überlegt und ich sage eines: Die Nachteile haben absolut überwogen. Aber es ist so eine Chance, Politik für Alleinerzieherinnnen in Österreich zu machen. Wenn ich das nicht machen würde, hätte ich das Gefühl, meiner Verantwortung nicht gerecht zu werden. Sonst macht es niemand.
Cox: Dadurch, dass man mich nicht einer bestimmten Partei zuordnen kann, kamen ja auch andere Anfragen. Aber der Anruf von Peter Pilz war im ersten Moment: „Bitte zwickt mich jemand – ich glaube, ich träume.“ Es war ein bisschen Sturm und Drang (lacht). Dieser Drang etwas zu bewegen, und zwar jetzt. Es tut sich gerade so viel in der Politik, es müssen viele Neuerungen kommen. Es war eine Entscheidung zwischen Kopf, Herz und Bauch, aber auch aus einer Verantwortung heraus. Ich will, dass meine Kids in einem Land aufwachsen, in dem sie die Freiheit haben, ihre Meinung kundzutun, wo Frauen das Recht haben, in einer Tech-Start-up-Szene Fuß zu fassen – dort arbeiten aktuell nur 12 Prozent Frauen. Ich wünsche mir für jede Frau Gleichstellung auf allen Ebenen. Gehen Frauen in die Politik? Klar gehen sie in die Politik! Weil sie mehr als 50 Prozent der Gesellschaft ausmachen. Und das treibt mich an.


Was halten Sie von der Kandidatur von Opernball-Organisatorin Maria Großbauer oder Kira Grünberg für die „Bewegung Sebastian Kurz“?
Cox:
Wir sind Anpackerinnen und Anpacker auf unserer Liste. Bei uns geht es nicht um den Status oder ob man ein Celebrity ist oder nicht, sondern darum, mit welcher Intention man hineingeht. Wir wollen themenzentriert arbeiten, weil wir wollen ja etwas umsetzen und vorantreiben. Wir sind zum Mitmachen gefragt worden und nicht zum Mitzeigen oder Mitschauen.
Stern: Da hätte ich nicht zugesagt (lacht)!


Jetzt hat sich die „Liste Peter Pilz“ zum Ziel gesetzt, 50 % Frauen auf der Liste zu haben. Denken Sie, dass dieser Ansatz für den österreichischen Wähler zu radikal sein könnte?
Cox:
Die Sache ist: Es haben so viele Frauen bereits für ihre Rechte gekämpft und jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem weiter etwas passieren muss. Das ist Eigenverantwortung. Natürlich wird aus der Politik Gegenwind kommen. Gerade wir als Neopolitikerinnen spüren das aktuell.
Stern: Was immer unter den Tisch fällt: Frauen sind die wahren Verlierer der Wirtschaftskrise. Das wird nicht thematisiert. Warum? Der Sozialstaat wird massiv gekürzt, was sich Austeritätspolitik nennt. Das betrifft Frauen viel stärker als Männer, weil die mehr auf Sozialtransfers angewiesen sind. Ich war auf einer Veranstaltung vor zwei Jahren zum Thema „Gewalt an Frauen in Europa“, da hat eine Expertin gesagt „die häusliche Gewalt ist seit 2008 epidemisch angestiegen“. Das wird von niemandem thematisiert. Der Zusammenhang von Gewalt an Frauen und von Frauenarmut ist gegeben und massiv am Steigen begriffen. Dass die Medien das kaum thematisieren, gehört zum System und das muss man aufbrechen.

Wie sehen Sie die Zielgruppe Ihrer zukünftigen Wähler? Gibt es hier nicht eine schwierige Überschneidungsmenge?
Stern:
Mir ist wichtig zu betonen, dass ich nicht die grünen Bobos vertreten möchte im Parlament. Ich vertrete Kinder und Frauen, die in die Armut gerutscht sind und die wählen tendenziell nicht Grün.
Cox: Eines unserer Ziele ist natürlich Protestwähler und Weißwähler zu holen, um der Politikverdrossenheit entgegenzuwirken. Dann haben wir unsere individuellen Schwerpunkte. Und wie Peter das immer so schön sagt: „Man ist nicht als FPÖler zur Welt gekommen“ – das heißt, oft fällt die Entscheidung, eine gewisse Partei zu wählen, aus einer Frustration heraus, ohne dass diese überhaupt Lösungen für den Wähler bereithält. Wir wollen Lösungen bringen. Ich glaube, dass die, denen wir Lösungen bringen, uns auch wählen und das geht quer durch alle Wähler.
Stern: 42 Prozent der Einelternfamilien in Österreich leben in Armut und ich hoffe natürlich, dass ganz viele dieser Menschen mich wählen. Mir ist es wichtig, dass diese Menschen wissen, dass sie ab 15. Oktober eine Vertreterin im Parlament haben. Und nicht nur die, sondern auch die Jugendlichen, die mit Armut kämpfen, die Väter in prekären Verhältnissen, die oft keinen Unterhalt zahlen können. Es gibt Großeltern, die regelmäßig einspringen müssen, weil zu wenig Geld da ist. Es ist einfach nicht normal, dass der Familienstand im Jahr 2017 darüber entscheidet, ob ich meine Eltern um Geld anbetteln muss. Ich habe diese Zahl auf 400.000 Menschen geschätzt, die unmittelbar mit fehlenden Unterhaltszahlungen zu tun haben und wenn uns diese wählen, dann sind wir – denke ich – schon einmal zufrieden.

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