Die Debatte im Detail

Stillen in der Öffentlichkeit

Sein Baby am Arbeitsplatz zu stillen, sorgt immer noch für Aufregung. Diese Frauen kämpfen gegen die Doppelmoral zum Thema Stillen, die gerne unter einem Tuch versteckt wird.  Die Debatte im Detail.

Sie zog blank. Mitten im Parlamentssaal entblößte die australische Abgeordnete Larissa Waters ihre Brust und stillte ihre wenige Wochen alte Tochter Alia Joy. Sie ist das erste Baby, das in Australien im Parlament gestillt wurde. Das war dort bis vor Kurzem nämlich noch verboten. Waters erntete dafür Kritik. Auch im Jänner vergangenen Jahres wurde in Spanien eine riesige Debatte losgetreten, als die Abgeordnete Carolina Bescansa ihren damals sieben Monate alten Sohn mit in die Plenarsitzung brachte. Sie trug den Kleinen auf dem Arm, als sie auf die Tribüne ging, um ihre Stimme abzugeben. Bescanca erntete dafür Kritik. Die isländische Abgeordnete Unnur Bra Konradsdottir wandte sich im Oktober 2016 mit dem Baby an der Brust an das Plenum. Und auch in Österreich sorgte die damalige Grüne-Politikerin Christine Heindl für Furore, als sie ihren Sohn 1990 während einer Plenarsitzung im Parlament stillte.  

Positive Effekte. Politikerinnen geraten immer wieder ins Kreuzfeuer, wenn sie ihre Kinder mitbringen. Stillen schön und gut, aber bitte nicht in der Öffentlichkeit! Wenn man als stillende Mutter seinem Job nachgehen will, ist das nun mal unvermeidbar, und wie Konradsdottir sagte: „Meine politische Arbeit ändert nichts an meinen Pflichten als Mutter und umgekehrt“. Doch warum ist Stillen so ein riesiger Aufreger? Laut Ärzten ist es wissenschaftlich bewiesen, wie gesund Muttermilch für ein Baby ist. Der Akt des Stillens fördert nicht nur die Mutter-Kind-Beziehung, sondern ist auch für die Entwicklung des Sprösslings wichtig. „Wir wissen aus Studien, dass Säuglinge, die gestillt werden bzw. Muttermilch erhalten, einen Schutz gegen Allergien oder Infektionen entwickeln“, erklärt Ass.-Prof. Priv.-Doz.Dr. Andreas Hanslik, Kinderarzt und Kinderkardiologe. 
 
Zweiseitig. Viele Frauen  kritisieren die Doppelmoral beim Thema Stillen. Eine entblößte Brust, um sein Kind zu stillen, ist anstößig, wo es doch in unserer Werbung völlig normal ist, Nacktheit zu zeigen, seien es nackte Beine, Bäuche, Brüste oder den ganzen Körper. Dass hier ein tiefes Dekolleté der Aufreger sein soll, ist also wirklich fraglich. Eckt also der Akt des Stillens an, kann man sich fragen. Denn sobald die Brust für das Kind da ist und nicht von einer Unterwäschemarke auf einem Plakat zu sehen ist, wirkt sie verstörend. Eine Theorie ist die, dass die Brust durch das Stillen ihre erotische Konnotation verliert, da sie die reine Funktion als Organ erfüllt. Diese Diskrepanz führt zu einem psychischen Zwiespalt. Ergo: Ekel. 
 
Langzeiteffekte. Als vehemente Verteidigerin des Stillens und vor allem des Rechts der Frau darauf, sieht sich die Tochter von Milliardär Bernie Ecclestone, Tamara (32).  Regelmäßig postet sie Fotos auf ihrem Instagram-Account, auf denen sie zu sehen ist, wie sie gerade Töchterchen Sophia (3) stillt. „Ekelig“, „widerlich“ und „völlig übertrieben“ – so häufen sich die Kommentare unter ihren Bildern. 
 

Nothing but love ???? @ivetteivens always captures the most beautiful moments #hippyatheart

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Gleichberechtigung. Der Aufhänger der Still-Debatte ist deswegen so aktuell, da die Diskrepanz der Thematik mit dem Bild der modernen Frau einhergeht. Zu Zeiten unserer Großmütter war es kein Thema,  sein Kind in einem Lokal oder in der Bim stillen zu müssen, denn Frauen waren im Durchschnitt zu Hause. Die heutige Mobilität der Frau – von der Arbeit zu Freizeitaktivitäten in meist mehreren sozialen Kreisen – und die neue Eigenverantwortlichkeit der Frau lassen unserer Gesellschaft keine andere Möglichkeit, als sich mit diesem Tabu auseinanderzusetzen. Denn wir schreiben nun einmal das Jahr 2017. Und ob 1990 oder mehr als dreißig Jahre später – es gilt auch heute noch, was die australische Parlamentsabgeordnete Katy Gallagher zum Sender „Sky News“ sagte: „Frauen werden weiterhin Babys bekommen. Wenn sie ihren Job machen, bei der Arbeit sein und nach ihren Babys sehen wollen, ist es Realität, dass wir damit umgehen lernen müssen.“
 
Stillen Pro und Contra
ANTI STILLEN

Individualität. Ohne egoistisch zu sein, ist es doch eine Tatsache, dass nicht-stillende Mütter ihren Körper wieder für sich haben. Nach 40 Wochen mit einem zweiten Menschen in sich kann dies auch eine Wohltat sein. 

Zeitmanagement. Der Vorteil: Jeder kann das Baby füttern. Und das ist eine riesige Erleichterung im Alltag, egal, ob zu Hause im Job oder unter Freunden. Plus: Auch der Partner kann nachts das Baby füttern.

Kein „Blank-ziehen“. Wie der Artikel zeigt: Stillen ist die natürlichste Sache der Welt. Aber: Nicht jede Frau ist d’accord damit, ihre Brust in der Öffentlichkeit zu entblößen – vor allem, wenn es kein stilles Örtchen dafür gibt. Mit dem Fläschchen geht man damit von vornherein aus dem Weg.  

Still-Haute-Couture. Jede stillende Mama kennt das Problem: Zu den ungünstigsten Zeitpunkten „läuft man aus“. Immer im Handgepäck: Stilleinlagen. Aber auch die haben ein begrenztes Fassungsvermögen. Und ein Albtraum der Designer sind natürlich auch Still-BHs. 

Kulinarische Freiheit. Beim Stillen muss man als Mama auch nach der Schwangerschaft auf seine Ernährung achten, teils mehr als währenddessen. Tut man dies nicht, sind Blähungen und respektive Geschrei vorprogrammiert. Und auch strenges Diäthalten ist verboten. Mit dem Fläschchen kann Mama wieder essen, worauf sie Lust hat. 
PRO STILLEN

Hormon-Cocktail. Beim Stillen werden die Hormone Oxytocin und Prolaktin ausgeschüttet, die für ein wohliges Gefühl beim Stillen sorgen. Sie machen Mamas stressresistenter, ausgeglichener und senken sogar das Schlafbedürfnis. 
 
Vitamin-Cocktail. Auch Babys profitieren von den Enzymen der Muttermilch: Je länger Mama stillt, umso mehr vom Bakterien-zerstörenden Enzym Lysozym wird in der Milch nachgewiesen. Ergo: Das Baby wird weniger krank.
 
Intelligenzquotient. Bewiesen ist auch, dass Kinder, die länger als ein halbes Jahr gestillt werden, später seltener an psychischen Problemen leiden. Und: Auch der IQ steigt mit jedem stillenden Monat. 
 
Ernste Krankheiten. Stillen beugt bei den Kleinen dann nicht nur Schnupfen, Husten oder Durchfall vor: Auch die Wahrscheinlichkeit für Gebissanomalien, Lymphknotenkrebs, Multiple Sklerose, Diabetes und mehr sinkt nachweislich. 
 
Ernsthafte Krankheiten 2.0. Auch Mama profitiert gesundheitlich vom Stillen: Mit dem Still-Monat sinkt auch für Mama die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs, 
Gebärmutterkrebs oder Eierstockkrebs zu erkranken. 
 
Weight-Watcher. Sehr einig ist sich die Wissenschaft, dass langzeitstillende 
Mütter damit einem späteren Übergewicht ihrer Kinder vorbeugen. 
 
Süße Sünden. Stillen verbrennt bis zu 500 Kalorien pro Tag. Da ist dann schon mal Mamas Nachtisch wettgemacht.
 
Grüner Daumen. Kein Wasser aufkochen, keine Fläschchen auswaschen, nichts 
sterilisieren – das schont nicht nur Zeit, sondern sogar merklich die Umwelt. 

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