Interview

Bloggerin DariaDaria über ihre Kandidatur für die Grünen

Bloggerin DariaDaria: Madeleine Alizadeh kandidiert bei der kommenden Nationalratswahl für die Grünen

Für viele war die Ibiza-Affäre ein unglaublicher Skandal. Für manche lediglich eine „betrunkene Gschicht“. In den Augen einiger brachte sie Imageverlust, in den Augen anderer gab es in erster Linie ohnehin kein Image, das zu verlieren war. Den Regierungsparteien brachte sie einen – zumindest temporären – Machtverlust, der Opposition brachte das Aufregervideo rund um HC Strache und Johann Gudenus eine unerwartete Chance. 
 
Im Hinblick auf die Neuwahlen am 29. September sind es vor allem die Grünen, die diese tatsächlich auch nutzen sollten. Immerhin waren diese seit ihrem Wahldebakel 2017 nicht mehr im Nationalrat vertreten. Doch diesen Herbst scheint alles möglich. Durch das Engagement von Jugendlichen wie Greta Thunberg oder den unzähligen Teilnehmern der „Fridays for Future“-Demonstrationen war das Thema Klimawandel nie präsenter, nie zeitgeistiger als jetzt. Eine Kerbe, in die auch Madeleine Alizadeh, besser bekannt als Bloggerin „DariaDaria“, seit Jahren schlägt und die ihr nun einen Platz auf der Kandidatenliste der Partei eingebracht hat. Die Wienerin, die gerade ihren 30. Geburtstag feierte, entschied sich selbst dafür, den letzten der 14 möglichen Plätze für sich zu beanspruchen, ihr Hauptmotiv für das parteipolitische Engagement sei nicht der Wunsch nach einem Mandat, sondern die „Solidarität“. MADONNA sprach mit Madeleine Alizadeh über politische Ideologien, berufliche Erwartungen und ihre Leidenschaft für Veränderung. 
 

Bloggerin DariaDaria im Interview
 

Wie kam es zu Ihrer Kandidatur für die Grünen? Beruft man sich auf frühere Interviews, haben Sie eine politische Karriere eigentlich immer ausgeschlossen. 
Madeleine Alizadeh: Ich war immer wieder mit den Grünen im Gespräch. Ich habe auch immer wieder gesagt, dass der Zeitpunkt für mich nicht passt. Irgendwann haben sie wieder nachgefragt, auch unter dem Aspekt, dass es wichtig sei, wieder in den Nationalrat zu kommen. Das war dann der ausschlaggebende Punkt. Und es ist eine Klimawahl. Bis zum Schluss habe ich gehadert, ob ich die Bewerbung wieder zurückziehen soll, letzten Endes habe ich aber auf meine Intuition gehört und beschlossen, mich das jetzt zu trauen. 
 
Wie waren die generellen Reaktionen in Ihrem Umfeld bzw. in Ihrer Community? 
Madeleine Alizadeh: : Kurz nachdem es über die Medien ausgespielt wurde, habe ich die Information auch auf meinem Account geteilt. Und da ich von Anfang an sehr transparent mit der Tätigkeit umgehen wollte, habe ich meinen Followern die Möglichkeit geboten, mir Fragen zu stellen. Meine große Angst war, dass das Ganze negativ ausfällt, ich hatte Angst, dass Parteipolitik zum Abtörner wird. Doch das Feedback war überwältigend, die Kommentare so positiv, so bejahend, so bestärkend. 
 
Weil Sie von Parteipolitik sprechen – haben Sie auch vor, den Grünen beizutreten? 
Madeleine Alizadeh:  Nein, gar nicht. Das stand auch nie zur Debatte, was mir sehr sympathisch ist. Ich bin total frei in meiner Kommunikation, ich muss auch keinen Wahlkampf führen und die Grünen freuen sich darüber, dass ich mich solidarisch zu ihnen bekenne – ich fühle mich also ob meiner Position keinesfalls missbraucht. Das ist sehr befreiend. 
 
Neun der vierzehn Kandidaten auf der Bundesliste sind weiblich. Viele davon Quereinsteigerinnen. Was glauben Sie führte zu einer solch weiblichen Beteiligung bei den Grünen? 
Madeleine Alizadeh: Speziell nach Ibiza ist, glaube ich, vielen klar geworden, dass Politik weiblicher werden muss, und dass mehr Frauen in Führungspositionen mitmischen müssen. Ich stelle mich ja auch bewusst hinter die Spitzenkandidatinnen, und kommuniziere, dass ich keine Stimmen für mich, sondern vor allem für die Frauen an der Spitze dieser Liste will. Bewegungen wie Alexandria Ocasio-Cortez und „Knock down the House“, aber auch Greta Thunberg, zeigen, dass die Klimabewegung generell sehr weiblich ist. Und das wiederum hat glaube ich noch mal mehr Frauen ermutigt, sich zu engagieren.
 
Was erwarten Sie sich von der Kandidatur? 
Madeleine Alizadeh:  Ich schließe nicht aus, mich in ein paar Jahren noch stärker in der Politik einzubringen, aber das ist jetzt mal ein erster Schritt, der vielleicht klein wirkt, aber für mich schon sehr groß ist. Deswegen versuche ich erst mal, mit dieser Aufgabe zu wachsen. Das ist für mich ein organischer Weg in ein System einzutreten, das sehr alt ist. Das politische System funktioniert mit sehr alten Mechanismen, die es auch ein bisschen gilt aufzubrechen. Dementsprechend finde ich schön, dass die Grünen sich öffnen und eine Influencerin mit reinnehmen. Für sie ist das ja auch nicht nur mit Vorteilen verbunden, denn viele können sagen: Da ist jetzt eine in der Politik, die komplette Quereinsteigerin ist, jung und eine Frau. In gewissen Medien wurden im Zusammenhang mit meiner Kandidatur alte Schminkvideos gezeigt, die suggerieren könnten, dass ich mich bis dato nur mit diesem Thema auseinandergesetzt habe. Für die Grünen ist es also auch ein Risiko, jemanden wie mich auf die Liste zu nehmen. 
 
Durch Ihre starke Community bestimmt aber auch ein Vorteil … Die Grünen haben es bei der letzten Wahl nicht in den Nationalrat geschafft, durch die Ibiza-Affäre scheinen die Karten neu gemischt. Was muss die Partei in Ihren Augen tun, um wieder wählbar zu werden?
Madeleine Alizadeh: Ich glaube, das, was sie tun müssen, tun sie jetzt auch. Sie öffnen sich und geben der Partei eine Chance, sich zu verändern. Außerdem besteht die Möglichkeit, dass die Grünen ihre Inhalte noch mal stärker platzieren können. Das Klimathema ist präsenter als vor zwei Jahren. Und: Viele junge Wählerinnen und Wähler können sich mit den Großparteien nicht mehr wirklich identifizieren.
 
Was zeichnet für Sie einen wählbaren Politiker/eine wählbare Politikerin aus? 
Madeleine Alizadeh:  An erster Stelle steht für mich die Glaubwürdigkeit und die wird durch integeres Handeln untermauert. Zweitens ist das eine Person, die nicht im Interesse von Lobbys handelt, auch nicht korrupt ist, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein müsste. Jemand, der Ethos und Moral bewahrt. Und last, but not least ist das eine Person, die Brücken baut, jemand, der es schafft, etwas zu vereinen, was theoretisch nicht vereinbar ist, und somit im Sinne der Gesamtgesellschaft handelt. Ich glaube, wir sind sehr in diesem parteipolitischen Denken verankert, aber vielmehr als um die Partei geht es darum, im Sinne des Gemeinwohls zu handeln. Und dieses Gemeinwohl bedarf, dass man sich auch mit Menschen außerhalb des eigenen Meinungsechos, der eigenen Blase, der eigenen politischen Gesinnung befasst. Sich mit ihnen an einen Tisch setzen und reden kann und somit partizipiert, mobilisiert und engagiert, ergo Lösungen findet.

Neben Ihrer nun neuen politischen Tätigkeit sind Sie ständig in Bewegung, engagieren sich für vielfältige Themen und Projekte – was treibt Sie an? 
Madeleine Alizadeh:  Ich glaube, was mich antreibt, ist ein sehr ausgeprägter Gerechtigkeitssinn. Der brennt wie ein Feuer. Was ich mache, macht mir auch viel Spaß, sonst würde ich es nicht machen. Und generell sucht man doch immer wieder nach neuen Herausforderungen, wenn man Veränderung möchte. Ich habe den Blog nach sieben Jahren auch ruhend gelegt, obwohl er super gegangen ist, da ich wieder was anderes machen wollte. Es macht mir Spaß, immer wieder Neues zu machen, jetzt bin ich draufgekommen, dass bis dato noch nie eine Influencerin in der Politik war. 
 
Sie sind diese Woche 30 geworden. Mit welchem Gefühl? 
Madeleine Alizadeh: : Für mich ist es die schönste Zeit. Je älter ich werde, desto mehr bin ich bei mir, desto mehr weiß ich, was ich will. Das Gegenteil von altern wäre wohl sterben, deshalb ist jeder Geburtstag ein großes Privileg. Ich verbinde nichts Großes mit der Zahl, ich finde es eher cool. Endlich im Klub (lacht). 

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