Das Dilemma der modernen Frau

Kind oder kein Kind?

Die Entscheidung, Nachwuchs zu bekommen, wird von vielen Frauen bevorzugt länger diskutiert – denn: Will man wirklich Kinder? Ein neues Buch setzt sich mit der Thematik humorvoll auseinander.

 

Ich bin achtunddreißig Jahre alt. Statistisch gesehen habe ich den Zenit meines Lebens noch nicht erreicht, biologisch gesehen bin ich eine alte Frau. Zumindest bezogen auf eine mögliche Schwangerschaft würde man mich als Spätgebärende mit einer in meinem Alter begründeten Risikoschwangerschaft einstufen.“ Das sind die Gedanken von Melanie Hughes, Geschäftsführerin einer Online-Marketing-Firma und Autorin des Buches „Will ich ein Kind?“(siehe Interview unten), mit denen sie gesellschaftlich gesehen, keineswegs allein ist.   

Geburtenraten.Denn der Zeitpunkt, zu dem Frauen Mütter werden, hat sich in ­Österreich in den vergangenen 35 Jahren deutlich nach hinten verschoben. Das zeigt die Entwicklung der Zahl der Geburten von Frauen unter dem Alter von 20 und über dem Alter von 40 Jahren zwischen 1984 und 2018. In diesem Zeitraum sank die Zahl der Geburten von Frauen im Teenageralter von 8.300 auf 1.200 pro Jahr. Jene der späten Mütter stieg dagegen von 1.100 auf 3.600. Das erhob das Vienna Institute of Demography (VID) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Im Zuge der Untersuchung zeigte sich ebenfalls, dass die Geburtenrate in Wien bei 1,47 Kindern pro Frau liegt und in der Hauptstadt im Schnitt die wenigsten Kinder geboren werden. Bei ihrem ersten Kind sind die meisten Frauen heute knapp 30 Jahre alt. Zum Vergleich: Vor 35 Jahren bekam die durchschnittliche Österreicherin ihr erstes Kind mit nicht ganz 24 Jahren. Die Ursachen dafür sind nicht nur in verbesserten Möglichkeiten von Empfängnisregelung und Reproduktionsmedizin, späterer Heirat und höheren Scheidungsraten, sondern vor allem in der besseren Bildung und den wachsenden Karrierechancen von Frauen zu finden.  

Diskrepanzen. Gleichzeitig zeigte sich durch eine im Vorjahr vom ÖAW veröffentlichte Studie, bei der Daten von 12.574 Frauen aus 19 europäischen Ländern sowie den USA verglichen wurden, dass Frauen weniger Kinder haben, als sie sich vielleicht wünschen. Insbesondere bei Akademikerinnen klafft die Lücke besonders weit auseinander. Im Durchschnitt gaben die in den 1990er-Jahren befragten Frauen aus Österreich an, zwei Kinder zu wollen. Die Geburtenraten für diese Jahrgänge zeigen jedoch, dass sie nur 1,7 Babys zur Welt brachten. Am größten ist der Unterschied bei den heimischen Akademikerinnen: Die Befragten wünschten sich im Durchschnitt 1,8 Kinder, bekamen jedoch durchschnittlich nur 1,5. Bei den Frauen mit mittlerer und niedriger formaler Ausbildung ist dieser Unterschied weniger stark ausgeprägt, aber dennoch vorhanden. Autorin Hughes erwägt das folgendermaßen für sich: „Natürlich liegt es im gesellschaftlichen Interesse, ob Kinder geboren werden. Doch hinter der allgemeinen Erwartung, Frauen müssen Kinder gebären, stecken persönliche Schicksale oder auch einfach nur das Recht auf Selbstbestimmung. So können saloppe Fragen nach Kindern oder einem Kinderwunsch als Einmischung und übergriffig verstanden werden. Man sollte auch nicht vergessen, dass ­darunter auch Frauen sind, die ungewollt kinderlos geblieben sind.“ Gleichzeitig zeigte sich in derselben Studie aber auch, dass nur fünf Prozent der in Österreich, Deutschland und der Schweiz befragten Frauen im Alter von 20 bis 24 Jahren keine Kinder wollten. Mit rund 20 Prozent ist die tatsächliche Kinderlosigkeit jedoch vier Mal so hoch. Bei Akademikerinnen ist diese Lücke erneut am größten: Von den höher gebildeten 25- bis 29-jährigen Frauen gaben ebenfalls fünf Prozent an, keine Kinder zu wollen, tatsächlich bleiben aber 26 bis 30 Prozent im Lauf ihres Lebens kinderlos. 

Entscheidungshilfe. Wie auch immer man sich persönlich entscheidet: Die statistisch belegte und wachsende Unsicherheit gegenüber einer Zukunft als Mutter sollte vor allem der Politik zu denken geben. Denn bessere soziale Bedingungen würden so mancher Frau die Sorge vor finanziellen und strukturellen Problemen abnehmen. Und diejenigen, die auf Mutterschaft verzichten, haben sicherlich auch nichts gegen fairere Voraussetzungen.  

 „Mütter brauchen eine stärkere Lobby“

Im MADONNA-Talk erklärt die Autorin Melanie Hughes, warum sie sich die Pros und Contras eines Kindes von der Seele schreiben musste.

Welches Gefühl hatten Sie nach Fertigstellung Ihres Buches?

Melanie Hughes:Nachdem ich gut drei Jahre an dem Thema gearbeitet und unzählige Gespräche mit kinderlosen Frauen geführt hatte, war ich am Ende doch überrascht, wie viel ich zu einer einzigen Frage zusammentragen konnte. Und vor allem musste ich über mich und meine Befindlichkeiten lachen! Denn „Will ich ein Kind? Ja nein vielleicht“ ist kein psychologischer Ratgeber, sondern ein heiteres Buch, in der sich die ein oder andere Leserin in Alltagssituationen oder Gedanken wiedererkennen mag.

Was stört Sie im gesellschaftlichen ­Umgang mit kinderlosen Frauen?

Hughes: Natürlich liegt es im gesellschaftlichen Interesse, ob Kinder geboren werden. Doch hinter der allgemeinen Erwartung, Frauen müssen Kinder gebären, stecken persönliche Schicksale oder auch einfach nur das Recht auf Selbstbestimmung. So können saloppe Fragen nach Kindern oder einem Kinderwunsch als Einmischung und übergriffig verstanden werden. Man sollte auch nicht vergessen, dass darunter auch Frauen sind, die ungewollt kinderlos geblieben sind.

Denken Sie, dass wir uns – als Frauen – zu viele Gedanken hinsichtlich des Kinderwunsches machen? Oder eventuell gerade genug?

Hughes: Bei den meisten Frauen in meinem Umfeld stellt sich der Kinderwunsch irgendwann ein. Wie ein Herpes-Virus, einmal da, nie wieder weg. Bei mir passierte das nicht – und damit bin ich nicht allein. Viele Frauen in ihren Dreißigern schieben ihren Kinderwunsch immer weiter auf, zum Beispiel aus Sorge um ihren Beruf, oder wissen nicht, ob sie überhaupt Mutter werden möchten. Und um dann zu vermeiden, in späteren Jahren etwas zu bereuen, hilft es natürlich, sich stärker damit auseinanderzusetzen und herauszufinden, was man möchte.

Brauchen kinderlose Frauen eine Lobby?

Hughes: Ich denke, Mütter brauchen eine stärkere Lobby. Sie tragen meist die Nachteile der Kindererziehung, u. a. treten sie beruflich kürzer, haben dadurch finanzielle Nachteile und zerreißen sich zwischen Familie und Beruf. Kommen dann noch hohe Ansprüche ins Spiel, seien es eigene oder durch die Umwelt diktiert, dann ist das ein jahrelanger Kraftakt. Und das schreckt auch Frauen ab, die vielleicht doch Kinder wollten. Was wir für kinderlose Frauen brauchen, ist eine andere Haltung: Sie müssen keine Bringschuld erfüllen. Wenn die Gesellschaft Kinder möchte, dann müssen die Rahmenbedingungen eben so geschaffen sein, dass Frau nicht um ihr Selbst fürchten muss. Und hier passiert zu wenig. Und wenn eine Frau entscheidet, dass sie keine Kinder möchte, einfach weil sie so fühlt, dann darf sie das. In der Welt, in der wir leben, navigiert es sich eben leichter ohne Gepäck.

Gibt es in Ihrer Erfahrung geschlechtliche Unterschiede im Zugang zum Kinderwunsch?

Hughes: Aus den vielen Gesprächen im Vorfeld weiß ich, dass es auch bei Männern so ist wie bei uns: Einige wussten immer, dass sie Kinder wollten, andere tun sich schwerer mit der Entscheidung. Es gibt aber doch Unterschiede: Den zeitlichen Druck der Entscheidung kennen nur Frauen. Und ich möchte außerdem behaupten, dass ein Kind das Leben einer Frau mehr verändert als das Leben eines Mannes. Oder fragen Sie Ihren Kollegen auf einer Konferenz, wo er seine Kinder gerade untergebracht hat?

Können Sie die Titel-Frage eigentlich mittlerweile für sich beantworten?

Hughes: Ja, das habe ich! Ich habe mich schlussendlich dazu entschlossen, es versuchen zu wollen. Und bin sehr dankbar, dass ich inzwischen Mutter geworden bin.

© Edel Verlag

 Will ich ein kKnd? Melanie Hughes humorvolle Reflexion zum Thema Kinderwunsch ist erschienen bei Edel und erhältlich um 18,50 Euro.

  

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