Karriere nach dem „FIRE-Prinzip“

Mit 30 in den Ruhestand?

Mit 30 zur Ruhe setzen: Der viel gehegte Traum wird für immer mehr Menschen Realität – für die Anhänger der Bewegung, die sich FIRE nennt.

Eines gleich vorweg: Der Trick liegt vor allem in der Sparsamkeit! Denn für all jene, die das Leben schon vor ihrem Ruhestand in vollen Zügen genießen, vielleicht gar die Jugend  für Abenteuer und Reisen „verschwenden“ wollen, ist das FIRE-Modell rein gar nichts. Immer noch interessiert an der Idee, die freilich in den USA geboren wurde und dort zu ­einer gesamten Bewegung avancierte? Der Name ist Programm: FIRE, so die feurige Kurzform für „Financial Independence, Retire Early“, deren Bedeutung „Finanzielle Unabhängigkeit, früher Ruhestand“ für immer mehr Millennials zum großen Ziel geworden ist. Klingt toll, erfordert aber freilich eine gewisse Vorleistung, so man nicht in ein reiches Haus geboren oder überraschend zum Lotto-Millionär wurde. Zu dem definierten Traum gibt es bereits seit 1992 ein gesamtes, gut ausgeklügeltes Konzept. 

Umweltschutz als Ausgangsbasis
„Unser Ziel war es nicht, dass viele Menschen ihren Job aufgeben“, erklärte Vicki  Robin, Mitbegründerin der FIRE-Bewegung und Autorin von „Mehr Geld für mehr Leben“, das in den 90er-Jahren erstmals erschien, aber erst jüngst neu aufgelegt wurde, in der „New York Times“.  „Unser Ziel war es, den Verbrauch zu senken, den Planeten zu schonen. Wir haben einfach lebende Menschen, religiöse Menschen und Umweltschützer angeleitet.“ Das Werk, das Robin zusammen mit Joe Dominguez verfasste, erklärte bereits vor 26 Jahren, wie man ganz einfach einem neuen Minimalismus folgen und sich so von Zwängen wie Konsumterror befreien kann. „Das Ergebnis: man lebt weit nachhaltiger. Und man macht sich finanziell unabhängig“, freut sich Robin über ihre Idee. Ergo: Man kann sich weit früher zur Ruhe setzen. 
Inzwischen hat die FIRE-Bewegung freilich auch eine Blogger-Ikone. Unter dem Pseudonym „Mr. Money Mustache“ erzählt der Kanadier Peter Adeney, wie er es schaffte, 2005 mit bereits 30 Jahren in Rente zu gehen. Seither lebt er nur von seinem Ersparten. „Wir haben 600.000 Dollar in einen Pensionsfonds investiert“, erklärt der sympathische Blogger, der mit seiner Kleinfamilie heute in Colorado lebt. „Und wir haben ein Haus im Wert von circa 200.000 Dollar. Mehr brauchen wir nicht.“
 
Mr. Money Mustaches Geheimnisse
Wie er die doch hohe Summe von 600.000 Dollar Erspartem zusammenbekam, verrät er online als „Mr. Money Mustache“. Dass er mit dem Blog zweifelsohne weit mehr verdient, als er je als „Normal-Berufstätiger“ einnehmen hätte können, tut nichts zur Sache. Er lebe dennoch so minimalistisch wie nur möglich, schwört der IT-Studium-Absolvent. Die neun Jahre, die er nach Abschluss seines Studiums arbeitete, waren keine einfachen. „Man muss schon alles geben, um sich so viel ersparen zu können, dass man mit 30 Jahren in Pension gehen kann. Aber: Man erkennt auch schnell, dass man genauso gut leben kann, wenn man nur ein Viertel von dem ausgibt, was andere auf den Kopf hauen“, versichert Adeney, dessen Frau das FIRE-Konzept mit ihm zusammen durchzog, und ebenfalls 2005 in Pension ging.    
 
 
 
Die Ausprägungen der FIRE-Anhänger sind übrigens ganz unterschiedlich, ebenso wie die Wege, wie man zum nötigen Start-Kapital für den großen Ausstieg kommt. Während die einen ihre Ausgaben zurückschrauben und ganz klassisch sparen, wenden andere das sogenannte „Fat FIRE“ an: Die Rendite wird durch gewisse Anlagemodelle erhöht – doch Vorsicht: Das Risiko, am Ende ganz ohne Erspartem dazustehen, erhöht sich so freilich.  
 
Der größte Irrglaube sei jedoch – so die FIRE-Profis –, dass man bereits tachinieren könne, während man noch im Job steht. Ganz im Gegenteil: Ein überdurchschnittliches Einkommen ist die Basis des finanziellen Polsters, den man sich mit Fleiß, Disziplin und knallhartem Karrierebewusstsein möglichst rasch erarbeiten muss. Selbstverwirklichungjobs seien nichts für jemanden, der mit 30 in Pension gehen möchte, so die Profis, die sich auf eigenen Online-Foren gegenseitig beraten, Rechentools zur Verfügung stellen und ganze Frührentner-Communities bilden.   
Was die zündende Idee für Wirtschaft und Gesellschaft bedeutet, darüber zerbrechen sich inzwischen Experten weltweit den Kopf. Der Wiener Jugendforscher Philipp Ikrath bezeichnet die Bewegung in der „Tiroler Tageszeitung“ als „Phänomen der Privilegierten, deren neues Statussymbol nicht mehr Geld, sondern Zeit ist.“ Die Masse würde also weiterhin bis zum gesetzlich festgelegten Pensionsalter arbeiten.   
 
Einen Pensionsschock hat übrigens noch keiner der freiwilligen Früh-Frühpensionisten erlitten. Sie alle – die meisten FIRE-Anhänger arbeiteten zuvor in der IT-Branche – haben ihre Projekte und Ideen, an deren Verwirklichung sie arbeiten. Denn: „Es geht nicht darum, ab seinem 30. Lebensjahr faul auf der Couch zu sitzen“, resümiert Mr. Money Mustache. „Es geht darum, finanziell unabhängig und frei für das zu sein, was einem wirklich Spaß macht.“ Im Idealfall ist dies sogar die Arbeit selbst. 
 
© Penguin Books
Mehr Geld für mehr Leben heißt der Leitfaden, den Vicki Robin bereits 1992 schrieb. Inzwischen zählt er zu der Bibel der FIRE-Anhänger. 

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