Thema Solo-Mutterschaft

Ohne Partner ein Kind bekommen

Der medizinische Fortschritt ermöglicht es Frauen, auch ohne Partner ein Kind zu bekommen.  Eine Reportage über persönliche Beweggründe zur Solo-Mutterschaft und die aktuelle Rechtslage.

"Ich dachte immer, ich habe noch genügend Zeit." Den Traum, Kinder zu bekommen und eine eigene Familie zu gründen, hatte Theresa Grandits (30, Anm.: Name von der Redaktion geändert) schon, seit sie denken kann. Doch das Fehlen eines passenden Partners und ihr Engagement in einem zeitintensiven und verantwortungsvollen Beruf in der Medizin-Branche führten dazu, dass sich die Österreicherin mit Anfang 40 mit Gegenteiligem konfrontiert sah. "Mein Arzt meinte, dass sich mein Fenster langsam schließe, und mir wurde bewusst, dass ich – wenn es tatsächlich mein Wunsch ist, ein Kind zu bekommen – dies nun angehen sollte." Heute ist Theresa Grandits 43 Jahre alt, alleinstehend und durch In-Vitro-Fertilisation in der 14. Woche schwanger.      
 
Vom Gesetz diskriminiert? Tatsächlich gibt es immer mehr Frauen, die ohne Partner, mithilfe künstlicher Befruchtung schwanger werden und ein Kind bekommen wollen – sogenannte "Single Mothers by Choice". In einer Zeit, in der ehemalige Vorstellungen von Liebe, Familie und Beziehung hinterfragt und neu überdacht werden, leistet auch die moderne Medizin ihren Beitrag.  Das Zeugen von Nachwuchs ohne Geschlechtsverkehr gilt mittlerweile als Standard-Prozedur und bietet im Falle von IVF rund 30 Prozent Erfolgschancen für die Patientin. Die Behandlung hat aber ihren Preis und kostet rund 3.000 Euro pro Versuch. Unterstützung bietet der IVF-Fonds, der bei Erfüllung gewisser Vorgaben einen Großteil der Kosten deckt. Der Haken dabei: Single-Frauen mit Kinderwunsch sind nicht berechtigt, eine Förderung durch den Fonds zu erhalten. Das österreichische Gesetz verbietet die künstliche Befruchtung alleinstehender Frauen. "Der Grund dafür ist ein ganz profaner", erklärt Prof. Dr. Heinz Strohmer, Co-Gründer des Kinderwunschzentrums in Wien: "Die Idee einer selbstbestimmten Mutter entspricht nicht dem geläufigen und in unserem Land durch die katholische Kirche bestimmten Weltbild." Nichtsdestotrotz ist Strohmer einer der wenigen Ärzte, die Single-Moms trotz herrschender Gesetzes­lage dennoch Möglichkeiten auf eigenen Nachwuchs bieten. Seine Klinik ist eine von wenigen in Österreich, die sich legale Beteiligungen und Dependancen in Ländern geschaffen haben, in denen die Legislative weniger restriktiv ist und deren Service die betroffenen Frauen in Anspruch nehmen können. Rund 30 Frauen jährlich tun dies laut Prof. Dr. Heinz Strohmer – und werden nach ausführlichen Gesprächen und genauer Planung in Dänemark, Spanien oder Polen dementsprechend behandelt.   

Persönliche Bedenken. Theresa Grandits zum Beispiel reiste nach Sofia, Bulgarien, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen.  Nun, da die Befruchtung geklappt hat, freut sie sich, ist aber nicht ganz unvoreingenommen. Denn bei angehenden Müttern über 40 herrscht ein höheres Risiko, dass ihr Kind an einem Gendefekt leiden kann. Darüber hinaus überlegt Grandits in ihrer fortschreitenden Schwangerschaft, wie sie ihre neuen Umstände nach außen kommunizieren wird. "Bis jetzt wissen meine Geschwister und ein paar Freunde davon. Ich möchte die Nachricht erst nach außen tragen, wenn ich weiß, dass das Kind gesund ist und ich es abgesehen davon auch nicht mehr so leicht verlieren kann. Bis dahin ist es etwas schwierig, da ich meine Freude nicht so richtig teilen kann." Und die Freude mancher Eingeweihter hielt sich, wie sie erzählt, auch ziemlich in Grenzen. "Ich hätte mir von meinen Freunden gewünscht, dass meine Entscheidung nicht nur kritisch hinterfragt wird, sondern auch akzeptiert und respektiert wird."      

Rollenbilder im Wandel. In dem neu erschienenen Buch "Dann mache ich es halt allein" setzt sich Christina Mundlos, Expertin für Geschlechter- und Familienkunde, mit der Single-Mum-Bewegung auseinander und beleuchtet diese in all ihren Aspekten, u. a. auch in moralischer Hinsicht. Darunter fällt zum Beispiel die Tatsache, dass viele Frauen, die sich dazu entschließen, das Kinder-Thema solo anzupacken, häufig mit Kritik aus ihrem Umfeld konfrontiert sind. Da kann es schon mal heißen, dass es egoistisch sei, Nachwuchs ohne Vater auf die Welt zu bringen. Doch inwiefern ist eine Vaterfigur für die Bildung einer geschlechtlichen Identität überhaupt relevant? Eine amerikanische Studie belegt etwa, dass Heranwachsende aus Ein-Familien-Haushalten weniger stark zu geschlechterspezifischem Verhalten neigen. Mädchen wurden als unabhängiger beschrieben und Jungen als sensibler als solche aus dem traditionellen "Mutter-Vater-Kind"-Familienmodell. Als ein weiterer möglicher Nachteil wird oft der Mangel an Ressourcen, wie finanzielle Mittel, Zeit und Aufmerksamkeit, genannt. Doch selbst wenn diese Voraussetzungen für Single-Eltern schwerer zu erfüllen sind als für Paare, kann es in der Familienrealität keinen Idealzustand geben.  Möglicherweise ein valider Punkt für eine Reform der Gesetzeslage, denn, wie Dr. Strohmer feststellt: "Man kann in sämtlichen Statistiken nachlesen, dass zigtausende Kinder in Haushalten aufwachsen, in denen die Frau als Alleinerzieherin fungiert, dies jedoch in 99,9 Prozent der Fälle so nicht ­geplant war." Der aufgeklärte Standpunkt könnte also lauten, dass ein Kind im Idealfall in einer wohlbehüteten Umgebung und bei Menschen aufwächst, die es wirklich lieben – ob dies Mutter und Vater, Mutter und Mutter, Vater und Vater oder auch nur die Mutter ist, sollte dahingestellt bleiben, so die einhellige Meinung vieler Experten.   

Entscheidung aus Liebe. Seinen Vater wird Theresa Grandits’ Kind voraussichtlich niemals kennenlernen. Nicht, weil die Mutter die Identität ihres Samenspenders verheimlichen will, sondern vielmehr, weil es die bulgarischen Auflagen aktuell so handhaben. In diesem Fall hofft Grandits auch auf eine mögliche Gesetzesänderung. Im Gegensatz dazu ist es in Österreich so geregelt, dass das mit gespendetem Samen gezeugte Kind mit dem vollendeten 14. Lebensjahr das Recht hat, Informationen über den Spender zu erhalten. Auch wenn dies in Grandits’ Fall wohl nicht möglich sein wird – die Wahrheit über seine Entstehung will die 43-Jährige ihrem Kind keinesfalls vorenthalten. Schließlich habe sie ihre Entscheidung aus "noch tieferer Liebe getroffen als so manch andere Frau. Ich kann meinem Kind versichern, dass ich mich aktiv dafür entschieden habe – dass es nicht einfach passiert oder bei einem One-Night-Stand entstanden ist." Trotz ihrer starken und wohlüberlegten Meinung zu dem Thema wollte die werdende Mutter im Rahmen des MADONNA-Interviews anonym bleiben. Nach dem Grund dafür gefragt, hält sie kurz inne. "Ich war eigentlich immer der Meinung, dass Gesetze auch hinterfragt werden müssen. Ich habe immer gekämpft und gestritten, vor allem über Dinge, die ich als Unrecht erachtet habe. Aber meine Familie ist sehr konservativ und ich denke, dass das unbewusst in mir noch sehr präsent ist. Meinen Eltern habe ich es noch nicht gesagt, und ich denke, für sie wäre es vielleicht etwas, das nicht so leicht nachzuvollziehen ist." Dennoch steht Grandits als Single-Mum zu ihrer Entscheidung trotz wiederkehrender nachvollziehbarer Bedenken. "Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, mir keinerlei Gedanken darüber zu machen, was mit diesem Kind passiert, wenn mir jemals etwas zustößt. Doch diese Gedanken entspringen der Vernunft, und letztlich entscheidet man ja doch immer der Intuition folgend. Und ich glaube, die Entscheidung, diesen Schritt zu machen, ist diejenige, mit der ich am besten leben kann. Damit ist sie auch die beste für mich."

Rechtslage. In Österreich ist es alleinstehenden Frauen nicht erlaubt, eine künst­liche Befruchtung vornehmen zu lassen. Dennoch gibt es Kliniken, die Interessentinnen an Partnerinstitute in Ländern vermitteln können, in denen die Gesetzes­lage nicht so strikt ist.  Anlaufstelle: Das Kinderwunschzentrum des Privatspitals Goldenes Kreuz ist zum Beispiel eine Einrichtung, die Patientinnen die gewünschte Behandlung im Ausland ermöglicht. Infos: www.kinderwunschzentrum.at


Das Buch "Dann mache ich es halt allein" von Christina Mundlos ist im mgv Verlag erschienen und um 17,50 Euro erhältlich. 

Posten Sie Ihre Meinung

Diese Website verwendet Cookies

Cookies dienen der Benutzerführung und der Webanalyse und helfen dabei, die Funktionalität der Website zu verbessern, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Nähere Informationen finden Sie in unserer   Datenschutzerklärung .