Johanna Constantini über die Demenz ihres Vaters

Gegen das Vergessen

Johanna Constantini über die Demenz ihres Vaters

Ein Verkehrsunfall vor etwas mehr als einem Jahr brachte das Drama zutage: Ex-Fußball-Nationaltrainer Didi Constantini leidet an Demenz. Jetzt schrieb seine Tochter Johanna ein Buch darüber.

Du musst immer wissen, wer der Schiedsrichter ist“, so eine Weisheit – nicht von Austro-Fußball-Legende Didi Constantini (65), sondern vielmehr von dessen Mutter. Nichtsdestotrotz startet Johanna Constantini mit diesem Satz in ihr soeben erschienenes Buch, in dem sie so treffend formuliert: „Was das Spielfeld des Lebens betrifft, so sind wir alle Schiedsrichter.“ Die 28-jährige selbstständige Psychologin arbeitet in ihrem Werk „Abseits“ das Demenz-Drama ihres Vaters auf, das vor einem Jahr das Land bewegte. Auf 240 Seiten beschreibt sie, „wie nicht nur wir als Angehörige, sondern auch wir als Gesellschaft bestimmen, ob demenzkranke Menschen im Abseits stehen müssen“. Wie es Johanna Constantini, ihrer Schwester Leni und vor allem auch ihrer Mutter gelungen ist, mit der Krankheit des ehemaligen Kicker-Stars umzugehen, diese anzunehmen – und das Leben aus einer völlig neuen, aber positiven Perspektive zu betrachten, erzählt die Autorin im MADONNA-Interview.


Wie geht es Ihrem Vater derzeit?
Johanna Constantini:
Es geht ihm – den Umständen entsprechend – sehr gut. Er hat das Glück, dass er sehr viele liebe Menschen um sich hat, die ihn am Leben teilnehmen lassen. Er wird zur Stammtischrunde gebracht, geht auf den Fußballplatz … Er ist gerne unterwegs, und das versuchen alle zu unterstützen.


Wie weit ist die Krankheit fortgeschritten?
Constantini:
Insofern, dass er auf Hilfe angewiesen ist, weil die Merkfähigkeit und die räumliche sowie zeitliche Orientierung eingeschränkt sind. Er braucht also Begleitpersonen und Hilfe.

Wie lange haben Sie als Familie gebraucht, um mit der Diagnose und der neuen Situation umgehen zu können?
Constantini:
Ich glaube, wir brauchen immer noch. Das ist ein andauernder Prozess. Ich weiß nicht, ob wir es können, aber wir geben uns Mühe und nehmen jeden Tag, wie er kommt. Darum geht es: die Momente bestmöglich zu leben.

Sie haben Ihr Buch ja in der ersten Corona-Phase geschrieben. War diese Ausnahmesituation, der Lockdown, eine zusätzliche Erschwernis für Ihre Familie?
Constantini:
Die Lage ist allgemein eine Erschwernis – für uns aber insofern nicht, als wir das große Glück haben, dass die Eltern auf dem Land leben und wir sie dort besuchen, in die Natur gehen können und das Ganze dadurch erträglich ist.

Sie selbst sind Psychologin. Hat Ihnen das im letzten Jahr sehr geholfen?
Constantini:
Mein Beruf hilft mir schon in vielen Phasen und bei der Auseinandersetzung mit dem Thema. Es hilft aber nicht immer, weil dann doch wieder die Tochter in den Vordergrund rückt, die sich um den Papa, den sie sehr liebt, sorgt. Aber im Großen und Ganzen rufe ich dann doch wieder die Psychologin in mir hervor …

… auch, um sich selbst zu schützen?
Constantini:
Ja auch, klar. Sich selbst zu schützen ist ein ganz wichtiger Punkt bei dieser Krankheit, wenn man Angehöriger ist, weil man sehr belastet ist. Da geht es, denke ich, allen gleich.

Wie hat die Familie, vor allem Ihr Vater, darauf reagiert, dass Sie ein doch sehr privates Buch veröffentlichen?
Constantini:
Ich habe das mit ihm öfter besprochen, das Buch war ja ein Prozess, in dem wir auch viel von seiner Biografie aufgearbeitet haben – und Papa hat das immer sehr gut geheißen. Das war natürlich ganz wichtig – dass die gesamte Kernfamilie ihr Okay dazu gibt. Meinem Papa war es wichtig, dass wir es veröffentlichen, damit auch andere Betroffene sich trauen, weiterhin am Leben teilzunehmen. Deshalb sind wir mit der Diagnose auch an die Öffentlichkeit gegangen: Einerseits macht es das für uns leichter, ihm ein normales Leben zu ermöglichen, und andererseits macht es anderen im Idealfall den Umgang mit der Krankheit leichter, weil sie sehen: Der Didi hat auch Demenz und trotzdem ist er noch am Fußballfeld.

Haben die Menschen Berührungsängste?
Constantini:
Der Papa macht es einem schwer, Berührungsängste zu haben, weil er auf alle sehr zugeht. Das ist dann in der Coronazeit manchmal schwierig, weil er auch gerne mal die Hände schüttelt aus Versehen (lacht). Die Reaktionen sind durchwegs sehr positiv, weil er den Menschen nach wie vor sehr offen begegnet. Gott sei Dank hat sich sein Wesen nicht verändert.

Was haben Sie für sich aus der Krankheit Ihres Vaters gelernt?
Constantini:
Ich lerne für mich jeden Tag im Zusammensein mit meinem Papa, die Tage und jeden einzelnen Moment zu genießen. Und die Zeit ganz bewusst zu verbringen und mich nicht über Dinge zu grämen, die sich meinem Einflussbereich entziehen.

© Seifert Verlag

"Abseits" von Johanna Constantini, Tochter von Ex-Nationaltrainer Didi Constantini und selbstständige Psychologin, ist soeben im Seifert Verlag (um 24, 95 Euro) erschienen.

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